Gibt es einen Zusammenhang zwischen Kunst und Leben?
Was ist Leben überhaupt? 

Man weiß es nicht so genau. Der Mensch kann Leben nur prismatisch und facettenaugenhaft wahrnehmen. Verschiedene Facetten könnte man benennen mit:
Wissenschaft, Politik, Kapitalismus, Mathematik, Religion, Askese, Alltag, Moral, die Idee von Leben und Tod, Kunst. Es sind Wahrnehmungen von Realität, die sich zu widersprechen scheinen. Es sind Facetten menschlichen Lebens. Es sind Erklärungsmodelle, die sich zu Weltanschauungen und Denkmaschinen zusammenklumpen. Die einzelnen Facetten, sind  durch Funktionen miteinander verbunden. Funktionen sind zB Sprache und Zahlen.

Die obengenannten Facettenmoduln sind mit dem „menschlichen Dasein“, das eigentlich keine Worte hat, durch Sprache und Zahlen verbunden. Es sind nur Teilaspekte des Lebens, fragile Kartenhäuser, in denen man nicht gut zu Hause ist. 

Kunst (als Oberbegriff) ist ebenfalls ein Weltanschauungsmodell, das weniger durch Sprache mit  dem Menschen verbunden ist, als durch unmittelbare Sinnlichkeit, Aktion, emotionale Intelligenz und gelegentliche intellektuelle Vor-und nachbearbeitung. Kunst ist ein undomestiziertes Tier, was um das Haus der Zivilisation schleicht und sich manchmal dort etwas zu essen stiehlt. Es wohnt aber woanders.
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Sobald Kunst seine Berechtigung aus den obengenannten Denkmodellen zieht und seine direkte Verbindung zum Dasein verliert, verliert es seine Wichtigkeit, seine Evidenz, seine Relevanz  für den Menschen. Es verliert seine Unabhängigkeit und damit seine Daseinsberechtigung innerhalb der menschlichen Gemeinschaft.

Ist der Leviathan gut oder böse und wie groß ist der Einfluß des Leviathan auf die Kunst?

Der Leviathan ist darauf aus, sich selber am Leben zu erhalten. Er ist dabei nicht gut oder böse. Man muß nur wissen, daß er sich wie jedes Wesen selber am Leben erhalten will und alles dafür tun würde nicht zu sterben. Er ist sehr mächtig, denn der Leviathan kann überall gleichzeitig sein, da er kein homogenes Wesen ist, sondern zusammengesetzt aus Mikroorganismen, die er mehr oder weniger erfolgreich steuert. Es sind zum Teil Minidrohnen und teilweise beseelte Lebewesen. Das muß man als Künstler wissen, denn der Leviathan wird versuchen den Künstler und die Kunst zu instrumentalisieren und zu seiner Stabilisierung zu nutzen.

Was hat Kunst mit Moral zu tun?

Der Leviathan benutzt Moral als einfaches und effektives Steuerungsinstrument der Miniroboter und beseelten Roboter, vorwiegend zur Kontrolle der roboterhaften Mikroorganismen, die beseelten Roboter nehmen es sich meist mehr zu Herzen. Vereinzelt kann Moral – ideologisch überhöht auch als Religion bekannt- für einzelne beseelte Mikroorganismus auch ein Wertesystem darstellen, ein Leitsystem für Verhaltensweisen und ein Sternbild in der Dunkelheit im großen unermesslichen Universum.

Die Kunst hat das erkannt und wohnt weiter in ihrem undomestizierten Haus, in ihrem Höhlenpalastimperium und ignoriert den Hype um die Moral.

Kann der Utilitarier mit Kunst etwas anfangen?

Der Utilitarier betrachtet Kunst unter einem oberflächlichen Nutzaspekt wie alles in seinem Leben. Es geht ihm um zuallererst um die Sicherung seiner Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Schlafen, dann die Sekundärbedürfnisse.:dann menschliche Wärme und Sozialprestige. Kunst ist ihm höchstens beim Sozialprestige behilflich. Bei raffinierteren Exemplaren des Utilitariers ist  Kunst auch bei der Sicherung der Grundbedürfnisses sprich Geldverdienen behilflich.

Den Bereich des Utilitarismus verläßt, wer in Kunst noch etwas anderes sucht, was ihm vordergruendig nichts nutzt.

„In Gedanken ist der Utilitarier bei der Garantie, dass sein Leben friedlich ablaufe und nett, warm und gemütlich, im Schosse des Leviathan, mit all seinen Lieben, doch wer kann sie ihm geben? Der Künstler sicher nicht. Der ästhetische Räuber auch nicht, der dem Utilitarier die weiße Blume stiehlt…
Der Utilitarier hat eher Angst von ihm, ist aber insgeheim froh, die weiße Blume loszusein.“

Ist Kunst Ausdruck von Selbstverwirklichung? Wie häßlich darf Selbstverwirklichung sein?

Ja.

Kunst entspringt dem menschlichen Bedürfnis, sich auszudrücken. Der Ausdruck kann sich an andere Menschen wenden, aber nicht notwendigerweise.
Wenn der Ausdruck keine bestimmte ästhetische Form annimmt, die sich ein Gewohnheitsrecht in der ästhetischen Wahrnehmung anderer Menschen erkämpft hat (sprich häßlich) kann es auf die verstörend und belästigend wirken. 

Es kann also schonmal sehr häßlich werden, denn die Merkmale „schön“ oder „häßlich“ beziehen sich meistens nur auf das derzeit herrschende domestizierte Kunsttier. Die Beurteilung ist einer Mode unterworfen. Die Gefahr der  Belästigung durch Häßlichkeit ist heutzutage weitgehend gebannt, denn die Dämonen der Fantasie, die den Künstler zur Häßlichkeit verleiten können, sprich der Selbstverwirklichung und des individuellen Ausdrucks sind durch die Priester der zeitgenössischen Kunstempel ausgetrieben.

Nicht jede Selbstverwirklichung ist allerdings Kunst. Kunst heißt seine Sicht auf die Welt und auf sich in eine überzeitlich ästhetisch verführerische Form zu gießen.

Welche Funktion hat Kunst in der Gesellschaft? Gibt es ein Leben außerhalb der menschlichen Gemeinschaft? Gibt es Kunst außerhalb der menschlichen Gesellschaft?

Kunst und Leben treffen sich in den meisten Fällen außerhalb der menschlichen Gesellschaft. Die Interaktion einzelner Menschen untereinander ist nicht der alleinige Ausdruck von Leben. Die Erfahrung des Kunstmachens ist eine Erfahrung des Selbstvergessenes und eines Alles-um-sich-herum-vergessen und des Alleinseins.

Das Gemälde oder das andere Kunstwerk ist das Gegenüber und die einzige Gesellschaft in dem Moment und im Idealfall vermisst man nichts und niemanden und steht außerhalb des menschlichen Zusammenlebens, deren und Moral, Beurteilungen, Verhaltenscodici.

Der Betrachter kann geistig zeitversetzt eine ähnliche Erfahrung wie der Künstler durchleben, wenn er in einen Bubble mit sich und diesem künstlerischen objekthaften Gegenüber gerät. Denn wenn er sich ein Werk anschaut, kann er die Entscheidungen und Gefühlslagen nachvollziehen. Gerade wenn es sich nicht bewegt und unabhängig von erreichbaren Steckdosen.

Ist autonome Kunst Ausdruck der heutigen Zeit?

Für Kunst und Künstler ist es wichtiger denn je ihre Autonomie zu bewahren. Die Aufdringlichkeit des Leviathans nimmt zu und die autonome Kunst ist mehr denn je dem Nützlichkeitsdruck unterworfen von Seiten des Leviathans aber auch von Seiten des Utilitariers. Ein Künstler mit Bewußtsein wappnet sic dagegen. Deswegen ist bewußte autonome Kunst mehr denn je Ausdruck der heutigen Zeit.

Autonomie heißt sich in den imaginären Bubble mit dem jeweiligen Kunstwerk zurückzuziehen (es herzustellen , oder es zu betrachten) und es auf spirituelle, metaphysische, physische Weise zu genießen, ohne es mit anderen Teilaspekten des Lebens in Verbindung zu bringen. Ohne daß sich für den Leviathan oder den Utlitarier nutzbringende Verbindungen zu den anderen Teilaspekten des Lebens gedanklich aufdrängen, Gedanken daran können vorbeischweben und Einfluß nehmen, aber sie beharren nicht auf ihrer Einflußnahme.

Angela Fette, 2019